Leseprobe:
Das hättest du nicht tun sollen

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Kapitel 1:

»Mein Güte, jetzt reiß dich doch mal zusammen. Soll dich die Welt so in Erinnerung behalten? Ein Häufchen Panik, das schwitzt«, sagte die dunkelhaarige Frau.

Ihre perfekt gestylten Haare brachten ihre edlen, mit dezentem Make-up versehenen Gesichtszüge noch mehr zur Geltung. Und das tief ausgeschnittene Kleid aus schwarzem, kostbaren Chiffon Stoff hätte ihr locker auf jeder Oscar Verleihung sämtliche Blicke eingebracht.

Doch jetzt zog sie dem Mann erstmal die Plastiktüte vom Kopf. Der Körper des Mannes bebte, als er tief Luft holte und der Sauerstoff über seine Lungen wieder in den Köper strömte. Jedenfalls kurzzeitig. Der Mann höchstens vierzig, braune Haare, graugrüne Augen und bis auf seine Boxershorts nackt, an einen Stuhl gefesselt. Er röchelte verzweifelt. Versuchte so wenigstens, ein bisschen zusätzliche Luft in seine Lungen zu pressen. Die dunkelhaarige Frau schüttelte ihren Kopf und meinte mitleidvoll: »Komm schon Pierre, hast es ja bald überstanden.«

Seine Augen starrten voller Entsetzen auf die attraktive, dunkelhaarige Frau.

»Bitte! Ich flehe dich an. Bitte! Hör auf damit. Ich verspreche dir, ich gehe morgen zum Anwalt.«

»Nicht mehr nötig. Brauche deine Scheidung jetzt nicht mehr.«

»Aber ich liebe dich doch. Wir wollten doch ein neues Leben anfang…«

»Erzähl das dem da oben, wenn du ihn gleich siehst. Aber verschon mich bitte mit diesem Bullshit. Du… du liebst doch nur dich.«

»Und was ist mit meinen Kindern?«

»Deine Kinder… ja…, die tun mir leid. Aber alles hat im Leben eben irgendwann Konsequenzen.«

»Darf ich mich dann wenigstens noch von meiner Familie verabschieden?«

»Darfst du nicht. Aber du darfst heute über die Klinge springen. Findet deine Frau übrigens auch.«

»Oh mein Gott. Was ist das für eine kranke Scheiße hier? Sie weiß, was du hier mit mir machst?! Ihr seid wahnsinnig. Total wahnsinnig.«

»Findest du?«

Dann suchte die Dunkelhaarige mit ihren eisblauen Augen den Boden nach dem grauen Overall ab, ging auf ihn zu und zog ihn über ihr Kleid. Behutsam, fast schon liebkosend, zog sie ein langes Küchenmesser aus ihrer großen Handtasche. Pierres Augen verfolgten panisch die sich ihm nähernde, metallische Klinge. Es war eines dieser Marke scharfe japanische Klinge, die alles durchschneidet, als sei es Götterspeise. Sie legte das Messer auf seinem Oberschenkel ab, um in aller Ruhe den Reißverschluss ihres Overalls zu schließen, so wie ihn normalerweise Mitarbeiter der KTU tragen. Jene Typen, die nach einem Mord immer über den Tatort herfallen, um jeden noch so kleinen Beweis zu sichern, ohne dabei alles mit eigner DNA zu kontaminieren. Sie trug den Overall jedoch nicht, weil sie Angst hatte, irgendwelche DNA-Spuren zu hinterlassen. Davon gab es hier schon zu viele. Sie waren hier schließlich in seiner Wohnung für Affären. Das hatte sie allerdings erst vor vier Wochen erfahren. Bis dahin hatte sie immer geglaubt, sie sei die Einzige.

Deswegen gab es ihre DNA-Spuren hier zuhauf, so oft wie Pierre sie in diesem Kingsize Bett bestiegen hatte, wenn seine Lust mal wieder keine Grenzen kannte und ihr gemeinsamer Schweiß das Laken tränkte. So betrachtet war der Overall definitiv nicht nötig. Wo gevögelt wird, da fallen eben Späne. Und auch ihr Alibi war schließlich bombensicher. Dafür war gesorgt worden. Sie hatte ihre Verbindungen. Nein, warum sie diesen Overall wirklich trug? Sie wollte keinerlei Körperflüssigkeit mehr von ihm auf ihrem Körper, egal ob Blut oder Sperma. Nichts von alledem sollte sie jemals wieder beflecken. Und so ein aus Polyethylen bestehender Overall ist da schon eine sichere Lösung. Außerdem hatte sie ja die große Plastiktüte dabei, in die sie den Overall anschließend stopfen und dann auf dem Grundstück ihrer Großeltern verbrennen wollte. Sie war sich sicher, Annalise Keating wäre genau so vorgegangen. Diese gerissene Jura-Professorin aus ihrer Lieblings-Netflix Serie »How to get away with murder.«

Sie zog ihre Handtasche näher an sich heran und griff hinein. Eine Taucherbrille und ein Tapeband kamen zum Vorschein.

»Das hättest du nicht tun sollen. Einfach nicht tun sollen, Pierre.«

»Oh Gott«, schrie Pierre.

Es sollten seine letzten Worte auf dieser Welt sein. Sie verschloss seinen Mund mit einem langen Stück Tape. Dann setzte die dunkelhaarige Frau sich die Taucherbrille auf und begann abzutauchen in ihr blutiges Geschäft.

* * *

 

Pierre Rail musste Höllenqualen erlitten haben.

Die fehlenden Hautstücke an Oberschenkeln und Brustkorb, die abgetrennten Finger, die fehlende Zungenspitze, der halb durchtrennte Schwanz, die aufgeschlitzte Halsschlagader. Es war wirklich kein leichter Anblick, auch nicht für einen Profi wie ihn.

Solche Wut, solchen Hass, sähe man nicht alle Tage. Meinte jedenfalls der verantwortliche Leiter der KTU, Sanovski, zum neuen Hauptkommissar Matthias Kowalski. Matt, wie ihn seine Kollegen nannten, war erst seit ein paar Monaten im Kommissariat für Tötungsdelikte. War davor für ein paar Jahre erst im Drogendezernat und dann in der Abteilung für OK (Organisierte Kriminalität). Doch, weil er bald Vater wurde, und schon zwei seiner Kollegen bei der Jagd nach Drogen und Menschenhandel ihr Leben lassen mussten, ließ er sich nach Berlin Tiergarten versetzen. Was ziemlich genau der offiziellen Version für seine neuen Kollegen entsprach. Die Wahrheit war jedoch brutaler. Matt hatte da schon länger ein Problem und kein kleines. Doch so lange seine Therapie noch nicht ganz abgeschlossen war, beließ er es besser bei dieser Version. Ein paar Morde pro Jahr könnten niemals so erschüttern, wie diese Bandenkriege, sagte sich Matt. Wo archaische Unsitten und Foltermethoden einen am Erhalt bisheriger Errungenschaften der Zivilisation schon gehörig zweifeln ließen. Aber wie das halt so ist: Manchmal sind Regen und Traufe nicht wirklich weit voneinander entfernt.

»Und hast du dich schon eingelebt in deinem Macchiato Ghetto? Oder sollte ich besser sagen in Pregnancy Hill?«, wollte Matts Kollegin Simone nach der Teambesprechung von ihm wissen.

»Bin ja meistens nur abends da. Das ist nicht mehr viel mit Macchiato. Aber was mir meine Freundin so erzählt, sollen die Kaffeesorten hier noch abwechslungsreicher sein als die Touris.«

»Und ich dachte, da leben nur Veganer, Dinkelbrotesser und Start-up-Wannabees mit ihren künstlich gezeugten Zwillingen auf dem SUV-Rücksitz.«

»Höre ich da so was wie leichte Ablehnung meines Viertels heraus?«

»Iwo, allet schick. Ist halt nicht so mein Ding unter all diesen Schwaben, Erben oder sonstigen Australiern zu leben. Vielleicht verdiene ich aber einfach auch nur zu wenig, um mir deine Gegend leisten zu können. Wie schaffst du das eigentlich? Hast du nicht die gleiche Besoldungsgruppe wie ich?«

»Gleich würde ich jetzt nicht sagen. Kennst das doch mit den zwanzig bis dreißig Prozent Unterschied. Keine Sorge, könnte mir diesen Berg normalerweise auch nicht leisten. Aber Anabelle hat von ihrer Tante, aus dem Süden versteht sich, ne Menge Kies geerbt.«

»Oh Mann, ihr zwei seid aber auch das wandelnde Klischee. Na ja, wenigstens habt ihr keine Zwillinge.«

Dann brummte ihr Smartphone.

»Ja! Fuck! Wo? Nee jetzt, oder?! Sag Sanovski, wir sind in zehn Minuten da.«

»Und?« wollte Matt wissen.

»So wie’s aussieht, gibts nen zweiten Mord im Macchiato Ghetto«, sagte Simone mit einem leichten Grinsen im Gesicht.

»Verarsch mich nicht.«

»Tue ich nicht. Raumerstraße 12, männliche Person liegt mit gefesselten Händen und zertrümmertem Schädel auf der Straße. Vorsätzliches Fremdverschulden dürfte wohl gegeben sein. Oder kennst du jemand, der sich erst die Hände hinter den Rücken fesselt und dann aus dem obersten Stock springt?«

»Oberster Stock?«

»Oder vorletzter Stock. Was weiß ich. Sanovskis Assi meinte, soviel verstreute Gehirnmasse kann nur von einem Sturz aus großer Höhe kommen, nicht vom einem Schlag auf den Hinterkopf.«

* * *

Schon der zweite Mord in einer Woche. Und der Dritte seit er in dieser Abteilung vor einigen Monaten angefangen hatte. Erst in der Linienstraße, dem Hipster-Mitte-Zentrum, dann an der Prenzlauer Allee und jetzt am Helmholtzplatz. Im Epizentrum der Fleischverweigerer passierte nun schon der dritte blutige Mord. Dabei hieß es doch immer, wer auf Fleisch verzichte, solle gesünder und friedfertiger sein, dachte Matt, während er zum Fenster hinausschaute. Müttern dabei zusah, wie sie stolz den frischgeschlüpften Nachwuchs in Bugaboo Racern ihren Freundinnen präsentierten. Bald würde seine Freundin auch dazu gehören. Was anderes wie dieser neue Bugaboo Fox Kinderwagen käme ihr nicht ins Haus, meinte Anabelle neulich beim Abendessen. Alle im Schwangerschaftskurs würden ihn jetzt kaufen. Matt, dem die knapp zwölfhundert Euro immer noch irrsinnig teuer vorkamen, für so einen Babytraum auf hydraulischen Stoßdämpfern, nickte damals aber nur brav. Aufstand hätte eh keinen Sinn gehabt. Dafür war Anabelles Konto einfach zu dick. Aber beim Tragegurt, den für Männer versteht sich, da gab es von Matt damals dann doch ne klare Ansage.

No way. Nicht mit ihm. Babys gehörten auf den Frauenbauch. Dort gäbe es schließlich Titten, die bei Bedarf ihren Zweck erfüllten. Außerdem trage er schon den ganzen Tag seine Dienstwaffe.

Simone, seine Kollegin, trank weiter ihren Bananen-Kiwi-Smoothie, während sie dabei forsch mit ihrem Dienstwagen in eine Tempo-30-Seitenstraße zischte, was einigen Müttern auf dem Gehweg offenbar missfiel und sie ihr wild fuchtelnd etwas hinterher fluchten. Irgendwas nach dem Motto: Hey, ihr Penner, geht’s noch?!! Wir ziehen hier künftige Steuerzahler groß, die eure Pensionen mal zahlen sollen, also runter vom Gas.

»Oliver Kühn, 46 Jahre, Steueranwalt, Wirtschaftsprüfer, verheiratet und wohnhaft in Charlottenburg, vermutlicher Todeszeitpunkt mit den üblichen Toleranzen versteht sich, ca. zwischen O und 1 Uhr morgens…«, erklärte Sanovski.

»Und was ist mit seiner Uhr?«, fragte Matt den KTU Chef.

»Sehen Sie den Abdruck einer Armbanduhr hier?«

»Stimmt. Wieso ist das bisher niemandem aufgefallen? Meyer?«

Sanovskis Assistent, Meyer, trabte an, erklärte, wegen der ganzen Sauerei hier habe man schnell die Leiche abgedeckt, und dabei sei wohl die Stelle am Handgelenk übersehen worden. Eine Uhr habe man allerdings nirgends gefunden.

»Und warum nicht, Meyer? Weil ihr gar nicht erst danach gesucht habt. Oh Mann, dass mir hier bloß keine Flughafenmethoden einreißen. Keiner hats verkackt, Schuld sind bloß die Umstände. Also los, klappert die ganze Gegend nochmals ab.«

Simone schwieg, schien woanders mit ihren Gedanken. Matt dachte, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer dürften in der Regel keine billigen Uhren tragen, eher so was im vier bis fünfstelligen Bereich. Wenn dieser Typ fünf oder sechs Stunden auf dem Bürgersteig lag, bevor man ihn fand, dann…

»Könnte natürlich auch gemopst worden sein. Von nem Junkie, Touristen oder was weiß ich. Um diese Zeit im Sommer sind ja noch ne Menge unterwegs.«

»Da könnten Sie Recht haben. Meyer soll trotzdem alles absuchen. Sonst lernt der das nie«, sagte Sanovski.

Simone tippte derweil irgendwas auf ihrem Handy ein. Als Matt fragte, »Was Wichtiges«, meinte sie nur: »Ne, ne, muss nur einer Freundin heute Abend was vorbeibringen. Hoffe, es klappt, kennst ja unsere Arbeitszeiten.«

»Wird schon. Kann für dich ja was übernehmen. Schwangerschaftskurs ist eh nicht so mein Ding.«

»Wird deine Freundin da nicht sauer. Ist doch euer erstes Kind, oder?«

»Sie sieht das nicht so eng. Reicht ihr, wenn uns wenigstens das Weekend ein bisschen gehört.«

»Da hast du wirklich Glück. Frauen sind heutzutage nicht mehr so tolerant im Verzeihen. Warum sollten sie auch. Wir leben schließlich im Jahr 2019.«

* * *

Simone Rellika, 35 Jahre jung, mit einem Hintern und Brüsten gesegnet, die oft die halbe Abteilung verrückt machten, wie Matt schon am zweiten Tag seines Dienstantritts erfahren sollte. Simone, wie meistens um einiges zu spät, platzte damals mitten in die Teambesprechung. Ihre Bluse nur mäßig zugeknöpft, ihre wackelnden Dinger dank BH gerade noch so am Ausbruch gehindert, die Haare blond und zerzaust, die Jeans dafür akkurat gespannt über ihrem prallen Hintern. Als ein Kollege dann meinte: »Na, Simone, wieder mal ein Morgennümmerchen geschoben. Muss sagen, steht dir echt gut.«

Woraufhin die andern lachten, Simone aber trocken konterte: »Sei froh, wenn dir überhaupt noch was steht. Außerdem muss Frau die Feste feiern, wie sie fallen. Kann schließlich nichts dafür, wenn die Typen morgens immer wollen.«

Damit hatte sie alle erwischt, zumindest die männlichen Kollegen. Es gab wohl keinen, inklusive Matt, der sich jetzt nicht vorstellte, wie sie wohl im Bett so war, am Morgen, wenn die Typen immer wollen, die Frauen eher nicht. Doch Simone war da wohl anders. Anderseits gab es nicht viel, was sie über ihre Lover herausließ. Ihr neuester schien irgendein hohes Tier zu sein. Simone wurde schon zweimal in der Nähe des Dezernats gesehen, wie sie nach Feierabend in eine fette Audi Limousine mit dunklen Fenstern stieg. Nachher bumst die noch mit so einem Unternehmensberater. So einem Kostenoptimierer, den der Senat vor kurzem beauftragt hatte, um ihre Abteilung abzuspecken, so hatte ihm gegenüber zumindest ein Kollege vor ein paar Tagen seine Vermutung geäußert. Im Allgemeinen ließ Simone auch bei Matt nie viel über ihr Privatleben raus. Nach beinahe neun Monaten täglich im selben Büro, im selben Auto, an den selben Tatorten, könnte man ja annehmen… Doch einmal nach Feierabend in einer Bar, ein Typ in Wedding hatte ein paar Stunden zuvor seine schwangere Frau für Allah geopfert, weil sie kein Kopftuch mehr tragen wollte, da meinte Simone nach dem zweiten Gin zu Matt: »Mal abgesehen von dieser ganzen Religionsscheiße, viele Typen haben doch heute echt einen an der Klatsche. Betrügen und belügen ihre Frauen, wo’s nur geht, aber wenn die Frauen dann keinen Bock mehr auf sie haben, dann flippen die Typen aus.«

»Übertreibst du da nicht ein bisschen. Sind doch nicht alle Typen solche Metzger.«

»Das vielleicht nicht. Aber diese bescheuerten Dating-Portale, wer soll da den Typen noch über den Weg trauen? Wenn ich rausfinde, dass mein Lover auf einer dieser Hormontauschbörsen ein Profil hat, dann ist Schluss mit Beine breit und Doggystyle.«

Würden die Hoffnungen der Frauen doch nur benutzen, um sich den Saft aus dem Leib zu spritzen. Und dafür würde gelogen und betrogen was das Zeug hielt, polterte Simone weiter.

Einer Freundin von ihr hatte ein Lover mal wirklich übel mitgespielt. Über ein Jahr ihr seine ewige Liebe geschworen, sie mit Love SMS und Geschenken zugebombt, Miniurlaube an der Algarve mit ihr eingeworfen, ihr dabei ständig geschworen, dass seine Scheidung bald durch sei, und er sich schon so wahnsinnig auf ein schönes Leben mit ihr freue. Und alles nur, um dann irgendwann zu erfahren, dass es weder einen Scheidungstermin gab, noch er jemals seine Frau und den kleinen Sohn verlassen wollte. Auf die Frage ihrer Freundin, warum er sie so mies angelogen, ihr nicht gleich von Anfang gesagt habe, dass mehr als eine Affäre nicht drin sei, da meinte dieser Typ nur: »Du hättest doch nie so hemmungslos mit mir gefickt, wenn ich dir die ganze Wahrheit gesagt hätte. Abgesehen davon, war es doch ein schönes Spiel. Und wir hatten schließlich beide was davon.«

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